Schloss- und Stadtkirche St. Marien Dessau
Als der anhaltische Reformationsfürst Georg III. am 15.8.1507 in Dessau geboren wurde, hatte sein Vater, Fürst Ernst von Anhalt (um 1456-1516), bereits mit dem Neubau der zentralen Dessauer Kirche begonnen. Am 25.5.1506 wurde der Grundstein für die künftige Hof- und Stadtkirche St. Marien gelegt. Nach dem Stadtsiegel von 1360 war der Vorgängerbau eine romanische Kirche mit zinnenbekröntem Turm. Um Kosten zu sparen, wurden Teile davon in den Neubau einbezogen. In einer aufwändigen Feier wurde die Kirche am 15.10.1523 in Gegenwart des Kardinals Albrecht und hochrangiger katholischer Amtsträger geweiht (vermutlich stammt aus dieser Zeit die erhaltene Kreuzigungstafel).
1530 starb die Fürstin Margarethe von Anhalt, die Zeit ihres Lebens am »alten« katholischen Glauben festhielt. Ihre drei Söhne Georg, Johann und Joachim hingegen wurden zu Anhängern der Reformation und beriefen auf Anraten Luthers probeweise den lutherischen Pfarrers Nikolaus Hausmann an die Marienkirche.
Hausmann bereitete mit Georg III. den offiziellen Schritt in Dessau vor, so dass am Gründonnerstag, dem 2. April 1534, in St. Marien das Abendmahl in beiderlei Gestalt (mit Brot und Wein für die gesamte Gemeinde) gefeiert und damit die Hinwendung zur reformatorischen Bewegung vollzogen werden konnte.
Die drei fürstlichen Brüder waren um die weitere Ausgestaltung der Marienkirche bemüht: Bereits 1533 hatten sie den Renaissance-Taufstein gestiftet, 1540 folgte der Einbau der Kanzel und bis 1541 die Einwölbung der Kirche.
Beim Aufstocken des alten romanischen Turmes kam es am 7.9.1550 zu dessen Einsturz und zur Zerstörung des Kirchendaches, der Orgel und eines Teils des Gewölbes. 1551-1553 wurde der neue, massive Turm nach Plänen Ludwig Binders errichtet.
1552/53 schuf die Werkstatt Lukas Cranachs d.J. den Emporen-Fries von 53 Gemälden. 1554 war die Marienkirche schließlich fertig gestellt. Die Tafeln zum Gedenken an Fürst Georg III. (um 1561), Fürst Joachim (1565) und Fürst Joachim-Ernst (1687) und eventuelle weitere Gemälde kamen hinzu.
Die Kunstwerke, die 1596-1606 die zweite Reformation, den Wechsel zum Calvinismus, überstanden hatten, sind bei Heino v. Basedow und im ersten Band »Die Kunstwerke des Landes Sachsen-Anhalt« von 1937 in Abbildungen und Beschreibungen enthalten.
Es blieb dem Fürsten und späteren Herzog Leopold Friedrich Franz (1740-1812) vorbehalten, das Innere von St. Marien ab 1779 zu verändern und mit den damals noch vorhandenen Kunstwerken auszustatten (früheste Überlieferung der Innenausstattung).
Kunstwerke aus vorreformatorischer und reformatorischer Zeit, plastische Werke und weiteres Kunstgut von St. Marien gingen im Feuersturm am 7.3.1945 unwiederbringlich verloren. Durch Auslagerung blieben immerhin drei der vier wichtigsten Gemälde erhalten.
Nach erneuter schwerer Gefährdung am 20.10.1989 (erstes Gebet um Erneuerung) und der Rettungsaktion 1990-1992 kamen sie in die Johanniskirche. Das vierte Gemälde ist im günstigsten Falle russisches Beutegut geworden.
St. Marien war als Ruine lange Zeit abrissgefährdet, ein Wiederaufbau nach 1945 vorerst nicht möglich. Trotz ihres geschichtlichen Wertes und ihrer städtebaulichen Bedeutung mussten Kirchengemeinde und Landeskirche am 1.3.1983 auf ihr Eigentumsrecht verzichten. Die »Wende« schaffte neue Bedingungen.
Das am 5.3.1991 eingeleitete Restitutionsverfahren führte zur Rückübertragung des Flurstücks und der Ruine. Ein Erbpachtvertrag zwischen der »Evangelischen Kirchengemeinde St. Johannis und St. Marien« und der Stadt Dessau vom 10.11.1992 setzte die Stadt in die Lage, die Kirche weitgehend originalgetreu wieder aufzubauen und für kulturelle Zwecke zu nutzen.
Nach einem umfangreichen Baugeschehen mit dem Kostenaufwand von 9,7 Millionen Mark konnte die Marienkirche am 5.12.1998 mit Hugo von Hofmannsthals »Jedermann« als Konzert- und Veranstaltungsraum eröffnet werden.
Landeskirche und Kirchengemeinde sind dankbar, dass St. Marien als Ort zweier Reformationen und bedeutender geistlicher und kultureller Ereignisse erhalten blieb. Martin Luther war hier – und hier hat Georg III. gepredigt. Der Johannbau erinnert an seine Geburt und seinen Tod, eine Gruft in St. Marien diente bis April 1945 als sein Bestattungsort.
Bauzeit: 1506 (Grundsteinlegung)
Baustil: spätgotische dreischiffige Hallenkirche aus Backstein
Besonderheiten: Kultur- und Veranstaltungsraum, Kontakt über Kulturamt der Stadt Dessau-Roßlau (Telefonnummer siehe Kontaktbox)
Gottesdienste: Die Kirche St. Marien ist ein Konzert- und Veranstaltungsraum, in dem keine regelmäßigen Gottesdienste stattfinden.
sdf- Schloss- und Stadtkirche St. Marien Dessau
- 06844 Dessau-Roßlau
- Schloßstraße 3